KOMMENTAR | Ein Salut auf die Tischfeuerwerke ministerieller Selbstinszenierung!

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Kaum ein anderes Ereignis wird im politischen Berlin inzwischen mit größerer Hochspannung erwartet als der Name eines neuen Gesetzesentwurfes des Bundesfamilienministeriums. Die Namensgebung dürfte, da sind sich Experten einig, für Furore sorgen. Zu besichtigen sein wird ein Tischfeuerwerk an sprachlichem Raffinement und beredter Lakonie. Technokratisches Wortgeschwurbel, das war gestern! Kein anderes Ministerium hat es sich mit so viel Schneid und Scharfsinn angelegen sein lassen, sperrige Gesetzesnamen in griffige und plakative Formen zu gießen. Denken wir nur an das „Gute-Kita-“ oder das „Starke-Familien-Gesetz“ – Namen, die schwungvoll von den Lippen perlen. Überdies: einprägsam und Orientierung bietend. Denn wie ein Gesetz zu sein hat, ob „stark“ oder „gut“, muss nun längst nicht mehr dem Leser überlassen bleiben.
Zu Recht haben inzwischen zahlreiche Kommentatoren dieses Verdienst gewürdigt. Sogar der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung meldete sich zu Wort: Titel wie "Gute-Kita- oder Starke-Familien-Gesetz" verbänden Gesetzgebungsverfahren "mit den Strategien der Reklame", sagte Ernst Osterkamp. "Sie geben damit einen Vertrauensverlust gegenüber der Politik zu erkennen; schon deshalb sollte man auf sie verzichten." Zugegeben: Die Würdigung des höchsten deutschen Sprachhüters fällt etwas trocken aus. Allein, was macht’s? Polit-Reklame will gut gemacht sein – und schafft Neider.
Längst ist das gewiefte Marketing des Bundesinnenministeriums dem Bundesfamilienministerium auf den Fersen. Mit seinem „Geordnete-Rückkehr-Gesetz“ konnte das Haus jüngst einen respektablen Achtungserfolg für sich verbuchen. In dessen Windschatten hat das Bundesverkehrsministerium indes längst die zweite Stufe ministerieller Selbstinszenierung gezündet: Dort sollen die eigenen Mitarbeiter Videos drehen, um sich über soziale Medien direkt an die Bürger zu wenden! Warum auch nicht? Wer mag schon kritische Journalistenfragen? Fest steht: Es lässt sich viel lernen in unseren verschatteten Zeiten. Komplexität reduzieren, besser suggestiv als informativ, die vierte Macht im Staate umgehen. Deutschlands Demokratie in der Krise? – Ach was, wo denken Sie hin?

Ulrich Hoffmann
Präsident des Familienbundes der Katholiken